Habt ihr schon vom Brokatpalast gehört? Das ist der Palast, in dem im Himmel alle Tage die beiden Himmelsfeen sitzen und für den Nephritenkaiser Wolken in allen möglichen Farbtönen weben. Ihr glaubt wohl, sie sind zufrieden? Da irrt ihr euch aber sehr! Den Feen gefällt es dort oben überhaupt nicht. Einmal sind sie ja auch aus dem Himmel ausgerissen.

Einmal, es war gerade der Geburtstag des Nephritenkaisers, war die ganze Dienerschaft mit den Vorbereitungen für das großartige Festmahl beschäftigt, die Himmelsbeamten feierten in den kaiserlichen Gemächern, und die Posten, die das Südliche Tor bewachen sollten, durch das man auf die Erde gelangte, hatten bereits ein Gläschen auf das Wohl des Nephritenkaisers geleert und schlummerten selig.

Die beiden Himmelsmädchen waren allein und langweilten sich fürchterlich. „Die Tage gleichen einander im Himmel wie ein Ei dem anderen, fortwährend gibt es nichts als lauter Seligkeit, lauter Nektar, und jeden Tag soll man so eine Regenwolke und sieben weiße Schäfchenwolken weben!“

„Weißt du, Schwesterlein“, sprach die jüngere Fee plötzlich, „ich würde mich am liebsten auf die Beine machen und auf die Welt hinuntergehen. Die Menschen wissen gar nicht, wie gut sie es haben! Die viele Arbeit, und immer Abwechslung, das würde mir sehr gefallen.“

„Mir ebenfalls“, sprach die ältere Fee, „und wenn du die Berge dort unten sähest, wie die in die Höhe steigen und wieder abfallen, und die Flüsse, die sich schlängeln und winden, nein, so etwas können wir hier nie und nimmer zusammenweben. Weißt du was? Wir reißen aus!“

Gesagt, getan. Die beiden Himmelsfeen schlichen sich fort, auf Fußspitzen durch den ganzen Himmel, bis sie zum Südlichen Tor gelangten, das zur Welt führt. Die Posten schliefen wie die Murmeltiere. Die beiden Mädchen schlüpften lautlos hinaus.

„Ich glaube, Schwesterlein“, sprach die jüngere Fee, „es ist das Beste, wir trennen uns. Du gehst nach Süden und ich nach Norden. Wenn wir jemanden finden, der auf der Welt keinen Menschen mehr hat, bleiben wir bei ihm und helfen ihm.“

So nahmen sie also Abschied voneinander. Es geschah, wie die jüngere Schwester gesagt hatte. Beide fanden einsame Greise, die nicht mehr arbeiten konnten. Die Feen blieben bei ihnen und standen ihnen bei. Bald verloren sie die durchscheinende Himmelsfarbe, ihre Wangen röteten sich, sie waren glücklich, und es gefiel ihnen auf der Welt sehr. An den Himmel dachten sie überhaupt nicht mehr.

Aber nichts währt ewig. Hundert Jahre vergingen. Und was auf der Welt hundert Jahre sind, das sind im Himmel genau sieben Tage. Nach sieben Tagen endete im Himmel der Festschmaus, und der Nephritenkönig begann die beiden Mädchen zu suchen. Doch die waren verschwunden. „Wo mögen sie nur stecken“, brummte der Kaiser, und da es schon lange nicht geregnet hatte und man dringend eine Regenwolke weben musste, ließ er sie suchen. Nach einer Weile kamen die Diener zurück und meldeten, dass das Südliche Tor offen stehe und dass die beiden Mädchen offenbar geflohen waren.

„Da hört doch wirklich alles auf! Sofort schafft ihr die beiden her!“, tobte der Nephritenkaiser, „sonst schicke ich eine schreckliche Dürre über die Erde!“

Da begaben sich die Himmelsboten auf die Erde und suchten und suchten, bis sie die Himmelsfeen fanden. Die wollten nicht zurückkehren, das versteht sich ja, doch Befehl ist Befehl, und schon gar, wenn das ein Befehl des Nephritenkaisers ist. Mit gesenkten Häuptern und tränkenden Augen kehrten die beiden Feen in den Himmel zurück.

Als sie vor das Südliche Tor gelangten, meinte die jüngere: „Schwesterlein, ich sterbe bestimmt vor Gram, wenn ich nicht mehr die Welt unten sehen kann.“

Die ältere dachte ein wenig nach, und dann sagte sie: „Ich weiß etwas. Wir werfen unsere Spiegel hinunter. Sooft wir dann hinunter blicken, werden wir in ihnen die ganze Welt sehen.“

Die beiden Mädchen zogen ihre Spiegel aus den Ärmeln hervor und warfen sie hinunter. Die Spiegel schwebten blitzend durch die Luft, drehten sich und sanken, wirbelten und sausten in die Tiefe, bis sie auf die Erde fielen. Dort wurden aus ihnen zwei Zauberspiegel aus klarem Wasser, in dem sich Berge, Wälder, Hügel und Menschen spiegelten. Und wisst ihr, welche Seen das sind?  Der eine ist bei uns in China, und das ist der Westliche See, und der zweite ist in Vietnam, in Hanoi. Und da die beiden Spiegel Geschwistern gehört haben, sind China und Vietnam seit jener Zeit ebenfalls Geschwister.