Einmal, aber das ist schon sehr lange her, lebten in einer Stadt zwei Menschen. Der eine hieß Li und der andere Dschang. Sie waren die besten Freunde. Doch das Leben vergeht, und der Tod ist nicht wählerisch. Und so geschah es, dass Dschang plötzlich schwer erkrankte und einige Zeit später verschied. Er wurde betrauert von seinem Freund Li, er wurde betrauert von seinen Söhnen und Töchtern, und fast täglich gingen sie zu seinem Grab und verbrannten dort Papiergeld. Und da es wirklich sehr viel Geld war, ließ sich schließlich der Gebieter der Unterwelt erweichen und schickte Dschang als Gott und Beschützer der Stadt in den Tempel.

Und wieder verstrich die Zeit und es kam der Tag, da auch Li dieser Welt Lebewohl sagte. Er entledigte sich seiner irdischen Hülle, und das erste, was er tat, war, in den Tempel zu eilen. War das eine Freude, als die beiden einander nach so langer Zeit wieder begegneten!

Als Li einige Zeit bei ihm verbrachte, schickte ihn Dschang in die Welt zurück.

„Wenn du meinst, dass es an der Zeit ist, dass ich gehe, so gehe ich“, sagte Li, „doch könntest du, da wir doch so alte Bekannte sind, mich nicht als Besseres auf die Welt zurückschicken?“

„Aber natürlich“, sprach der Gott und Beschützer der Stadt, „sag mir getrost, als was du wiedergeboren werden möchtest.“

„Ich würde mich freuen, wenn du mir vier Wünsche erfüllen könntest“, sagte Li schnell. „Erstens, dass ich mein ganzes Leben in den Bergen verbringe, zweitens, dass ich viele ältere und jüngere Geschwister habe, drittens, dass ich eine brave und schöne Frau bekomme, und viertens, dass mein Vater ein hoher Beamter ist und ich es ebenso weit bringe wie er.“

„Du verlangst sehr viel“, brummte der Gott, „alles werde ich dir nicht erfüllen können.“

„Wenn du mir diese Wünsche nicht erfüllen kannst“, sagte Li, „so führe mich wenigstens in deine Schatzkammer. Ich werde mir irgendein Gewand auswählen, und wessen Gewand ich mir aussuche, dessen Gestalt kannst du mir dann leihen.“

„Das ginge“, nickte der Gott zustimmend und öffnete seine Schatzkammer. Ach, gab es hier Gewänder! Weiße, rosarote, türkisblaue, karierte, gestreifte, durchsichtige, matte, mit Perlen besetzte, ja sogar zerrissene und geflickte. Li wählte sorgfältig, er wühlte in dem Berg herum, und schließlich zog er ein Gewand heraus, das glitzerte und funkelte, dass einem die Augen übergingen.

„Das ist das richtige!“, rief Li freudig, als er feststellte, dass zu dem Gewand auch noch ein herrlicher Gürtel aus durchsichtigem Nephrit gehörte.

‚Das kann nur dem Kaiser selbst gehören‘, sagte sich Li im stillen, und damit es sich sein Freund nicht etwa noch überlegte, nutzte er den Augenblick, da ihm der Gott den Rücken kehrte, packte das Gewand, streifte es sich hastig über und rannte aus dem Tempel.

Er rannte, als wären sieben Teufel hinter ihm her. Er rannte über Stock und Stein, durch Felder und Wälder, bis er schließlich, völlig erschöpft und durstig, zu einer Quelle gelangte.

‚Ich möchte doch wissen, wie ich aussehe‘, sagte er sich und beugte sich über das klare Wasser. Und da erstarrte er. Aus dem Wasserspiegel blickte ihn der Kopf einer gestreiften Schlange an.

‚Das ist doch nicht möglich‘, dachte er entsetzt und neigte den Kopf zur Seite. Auch die gestreifte Schlange neigte den Kopf zur Seite. Er zwinkerte mit dem linken Auge, und die Schlange zwinkerte ihm mit dem rechten Auge zu.

‚Es stimmt also wirklich‘, sagte er sich zerknirscht und betrachtete aufmerksam seinen Körper. Erst jetzt merkte er, dass er weder Arme noch Beine hatte, dafür glänzte und leuchtete aber sein glatter Leib, und durch die Mitte lief ein heller Streifen wie ein Nephritengürtel.

Wenn ihr zufällig irgendwo im Wald auf eine Schlange stoßt, deren ganzer Körper glänzt und funkelt und die auf dem Rücken einen streifen hat, erinnert euch an den unglücklichen Li und an seinen törichten Wunsch.